INTERVIEW im DEPARTURE BLOG

VICTORIA COELN – LICHTRÄUME, MATHEMATIK UND DEN STEPHANSDOM ALS OFF-SPACE

Wien 2012

Interviewer: Du hast an der Akademie der bildenden Künste studiert – parallel Mathematik. Die Frage liegt nun nahe, wie Du zur Visualisierung gestoßen bist?

Victoria Coeln: Meine Leidenschaft für Farbe und die Liebe zur Mathematik haben mich direkt zur Arbeit mit Licht geführt. Das Aufbauen von Lichträumen erfordert vielschichtiges Denken, das besonders gut in der Mathematik trainiert wird. Lichträume, Chromotope, bilden die Basis meiner Arbeit und natürlich auch meiner Visualisierungen, die ja im Grunde nichts anderes als gespeichertes Licht sind. Auf Einladung von Barbara Wally hatte ich mit Elfriede Jelineks, Olga Neuwirths und VALIE EXPORTs Farbschatten in speziell für die Begegnung der drei Damen konzipierten Lichträumen fotografiert. Die Serien wurden im ACF New York (Austrian Cultural Forum) in deren Gruppenausstellung gezeigt. Ich hatte das Glück, daraufhin von Christoph Thun-Hohenstein, dem damaligen Leiter des ACF, zu den ersten Visualisierungen – Festival „Mostly Operetta“ – eingeladen zu werden. Dieses Format war für mich sofort extrem spannend und ist es heut immer noch!

I: Die technologischen Möglichkeiten, die heute für Deine Arbeit zur Verfügung stehen, haben sich über die letzten Jahre enorm weiter entwickelt. Du hast die technischen Neuerungen auch weitgehend in Deine Arbeit integriert und die Entwicklungen – wenn nicht integriert – jedenfalls aufmerksam beobachtet. Wie stehst Du diesen gegenüber?

VC: Ich finde es enorm wichtig, zuerst die Vision (im wahrsten Sinne des Wortes) zu entwickeln und erst dann an Technik zu denken, sonst schränkt man sich von vornherein vielzusehr ein. Immer wieder stoße ich in der Realisation an technische Grenzen, dann rege ich Techniker dazu an, weiterzuentwickeln bzw. die Technik neu zu denken. So treibe ich durch meine Arbeit technische Entwicklungen immer wieder voran. Manche behaupten, ich treibe die Technik vor mir her …

I: Die Basis deiner Arbeiten ist das pure Licht. Welche Faszination steckt dahinter?

VC: Alle – ein kleines Beispiel: Licht ist nicht sichtbar, ich forme also Unsichtbares. – Aber auch die materielle Welt ist per se nicht sichtbar. Dann und nur dann, wenn beide unsichtbaren Medien zusammentreffen, entsteht etwas für das menschliche Auge Sichtbare. Oder anders ausgedrückt: Tatsächlich und auschließlich die Schnittmenge zweier unsichtbarer Elemente wird für das menschliche Auge sichtbar – ist das nicht unglaublich?

I: Du bist sozusagen eine „Konstante“ des „lied:lab“ und hast bei beiden Festivals mitgewirkt. 2010 wurde zu Hugo Wolf live visualisiert, 2011 drehte sich das Festival um das Liedschaffen Gustav Mahlers. Wie hast Du Dich in Deiner Arbeit den beiden Komponisten angenähert?

VC: Beim Lied nähert man sich nicht nur der Musik sondern auch der Literatur an, denn Text ist ja auch ein wichtiger Teil der Lieder. Nun, letztendlich war es mir dann wichtig, die Musik wie auch die Literatur mit einer eigenen starken Bildsprache zu konfrontieren, denn nur so wird alles gemeinsam ein neues großes spannendes Ganzes.

I: Hast Du aufgrund Deiner Erfahrungen, die Du im Festival 2010 gesammelt hast, etwas an Deiner Herangehensweise geändert?

VC: Vielleicht nicht direkt an der Herangehensweise – aber jede Erfahrung bringt Weiterentwicklung auf der man beim nächsten Projekt aufbauen kann. Doch vor allem erfordert jedes neue Werk – Musik, Literatur,… – eine andere nicht weniger starke Bildsprache.

I: Du arbeitest bei der Visualisierung von Gustav Mahler-Liedern mit sogenannten „Chromotopen“, ein von Dir entwickelter und geprägter Ansatz. Was sind Chromotope? Wie kam es zu deren Entwicklung? Und warum hast Du diese Art der Visualisierung gerade bei Mahler eingesetzt? Deine Arbeiten zu Hugo Wolf waren zum Teil noch gegenständlicher.

VC: Ja das stimmt. Chromotope nenne ich grundsätzlich alle meine Lichträume – das Wort setzt sich aus den griechischen Wörtern chromos/Farbe,… und topos/Raum,… zusammen. Die Nähe zu Biotop und Utopia finde ich sympathisch … In den Chromotopen mische und überlagere ich Farben sozusagen antiprismatisch zu unterschiedlichen Weiß und weiteren Farben. Betritt man ein einfaches Chromotop (zusammengesetzt aus Spektralfarben), so erzeugt man einfache farbintensive Schatten. Projiziere ich nun die einzelnen Farben in Schichten auf Fotopapier (durch gemalte Lichtfilter), so entstehen gespeicherte Lichträume: Chromogramme. Aus den Chromogrammen ist ganz bewusst jede Form und sogar die Handschrift in der Malerei der Lichtfilter durch Unscharfstellen des Objektivs herausgenommen, um – absolut abstrakt – ausschließlich Farbe ohne Form wirken zu lassen. Nichts im Bild startet den Intellekt der Rezipientinnen und Rezipienten an, so wird die pure Emotion direkt getroffen. Vielleicht eine anmaßende Forderung …

I: Vor einigen Jahren hatte ich ziemlich viele Serien von Chromogrammen entwickelt, um vor allem dem Licht näher zu kommen, es besser zu begreifen… Diese Serien hatte ich gescannt und jetzt als Basis für die Mahler-Visualisierung des „Lied von der Erde“ verwendet.

VC: Für mich schwebt speziell das „Lied von der Erde“ zwischen den Welten – zwischen Materialität und Immateriellem, zwischen Leben und Tod. Das wird ganz besonders im letzten Teil offensichtlich. Die Chromogramme bewegen sich ebenfalls zwischen diesen Welten – von mehreren Seiten wurde mir bestätigt, dass das Licht in manchen Chromogrammen an das Licht erinnert, das Menschen in der Nahtoderfahrung erleben.

Ich denke, dass dieses Werk von Mahler – im Gegensatz zu den Möricke-Liedern von Hugo Wolf – besonders viel Ruhe und Langsamkeit im Bild verträgt, ja sogar braucht – auch wenn das für Kurzvideos im Internet nicht besonders tauglich ist.

I: Du arbeitest nun schon sehr lange als Visualistin und bist eigentlich im Klassik- und Theater-Umfeld „groß“ geworden. Die VisualistInnen, mit denen wir im Rahmen des lied:lab gearbeitet haben, sind durchwegs in der Clubkultur verankert. Wie hat sich die Zusammenarbeit gestaltet und könnte man behaupten, dass es aufgrund der unterschiedlichen Hintergründe grundlegende Unterschiede in der Herangehensweise an die Arbeit gibt?

VC: Ich fand die Zusammenarbeit sehr spannend. Alle, egal aus welchem Umfeld, haben sich extrem fundiert mit der Materie auseinandergesetzt, sehr beeindruckend! Weniger Erfahrene tendieren vielleicht eher dazu, zuviel gleichzeitig zu wollen (so wie ich selbst auch immer wieder in der Anfangsphase jedes neuen Projekts:). Die mutige aber auch harte Entwicklung zu Reduktion und Intensität – weniger ist mehr – muss immer wieder neu durchgemacht werden.

I: Du hast kürzlich den Wiener Stephansdom in einen Lichtraum verwandelt und dort auch live visualisiert. Wie bist Du mit diesem Ort umgegangen bzw. war es eine besondere Herausforderung?

VC: Ja, gerade eben ist das Chromotop St. Stephan wieder aktiviert, der Stephansdom als Off-Space für die Erholung der Seele. Mitten in der für viele stressigen Weihnachtszeit bieten wir im Dom Adventmeditationen an. Ab heute bis einschließlich Sonntag, 18.12.2011, täglich außer Freitag und Samstag, 20 bis 21 Uhr öffnet der Dom seine Tor für Licht und zeitgenössische Musik, die von Solistinnen und Solisten improvisiert wird: http://www.victoriacoeln.at/home/vc/adventmeditation-im-stephansdom.htm

Der Dom ist wirklich sehr speziell und sehr groß. Ich dachte anfangs, meine künstlerische Kraft würde dafür nie und nimmer reichen… doch letztendlich ist doch etwas gelungen… Dieser Ort war und ist immer noch eine ganz besondere Herausforderung. Die Überlegungen dazu füllen zumindest noch ein ganzes Interview. Vielleicht wollen wir das im kommenden Mai führen, denn wir setzen die Arbeit am Chromotop St. Stephan fort, im Mai werden wieder die Farbfolien vor alle Fenster gehängt – Sonnenlicht wird also einbezogen – und Projektion in den Dom gebracht… diesmal trete ich mit meinen Visualisierungen etwas in den Hintergrund, dafür lade ich als Kuratorin andere Visualistenkolleginnen und -kollegen zur Performance in der Langen Nacht ein.

INTERVIEW

 

BRIGITTE TRENKS MIT VICTORIA COELN¹

Wien 2005

Brigitte Trenks: Für die Eröffnung deiner Ausstellung „Licht: Chromotop und Chromogramm” am 4. Juni 2005 bei Renate Bender in München hast du doch vor kurzem einen neuen aktiven Lichtraum — ein Chromotop — aufgebaut?

Victoria Coeln: Ja, die Galerie Bender liegt im Hinterhof, eine Hausdurchfahrt führt zu ein paar Parkplätzen und zum Eingang der Galerie. Dort, genau in diesem groben, dunklen Durchgang direkt nach dem schweren Einfahrtstor, habe ich ein aktives Chromotop installiert. Somit mussten alle Besucher und Besucherinnen ausnahmslos durch meinen Lichtraum, um zu den Chromogrammen in der Ausstellung zu gelangen. Im Durchgang sammelte sich eine Menschentraube, und alle warteten gespannt auf das Eintreffen der „Neuen“. Ja, und die „Neuen“ fanden sich plötzlich konfrontiert mit Publikum, „im Rampenlicht“. Manche erlebten diese Situation sehr lustvoll, spielten mit Farbverschiebungen und -schatten, ja „badeten“ richtig in ihrer neuen Vielschichtigkeit, während andere sofort quer durch den Lichtraum in die Sicherheit der anonymen Menge flüchteten. Zugleich löste sich immer wieder „eine Gestalt” aus der Gruppe, um ins Licht zu tauchen und sich damit aktiv in die Gestaltung der ständig neuen, ja flüchtigen Bilder einzubringen – eine spielerische und zugleich sehr poetische Situation.

BT: Du hast auch die Chromogramme angesprochen, die in München in deiner Ausstellung zu sehen sind. Wie definiert sich der Unterschied des Chromogramms zu dem vorher angesprochenen Chromotop — das eine hängt ja mit dem anderen zusammen, oder nicht?

VC: Ausgangspunkt für die Entwicklung der Chromogramme war mein Wunsch, eine Form des Lichtraums zu entwickeln, der unabhängig von technischen Geräten und Steckdosen von Tag und Nacht, in Innenräumen vom Ein- und Ausschalten, von Elektrizität, künstlichen Lichtquellen usw. Ich wollte eine Darstellungsform finden, etwas, wo ich selbst nicht an die Steckdose muss: einen autonomen Lichtraum, der überallhin getragen, in jede Richtung gedreht, gewendet werden kann. Ergebnis dieser Überlegungen sind die Chromotope in Bildräumen: Chromogramme. Gemalte Filter vor Lichtquellen erzeugen Lichtraumsegmente, die in der Dunkelkammer auf lichtempfindlichem Material, auf Fotopapieren überlagern und darin gespeichert werden. Haltbar gemacht durch den chemischen Entwicklungsprozess entstehen somit Arbeiten, die im weitesten Sinn der abstrakten Fotografie zugerechnet werden könnten; weit näher allerdings stehen die Chromogramme der Malerei mit heutigen Mitteln: Einerseits durch Verformen des Lichts mit gemalten Filtern, andererseits durch den Aufbau von mehreren Lichtschichten zu räumlichen Konstrukten mittels optischer Systeme. Malerei hat ja immer mit der Bildung von Raum zu tun. Chromogramme – „materialisiertes Licht“ – ermöglichen außerdem einen Schritt, eigentlich mehr ein Hineingleiten, in diese höchste Intimität der Bildwelt: Bewege ich mich mit meiner Wahrnehmung vom öffentlichen Lichtraum im Außenraum in den aktiven Lichtraum im Innenraum und dann weiter in den gespeicherten Lichtraum im Bildraum, dann begebe ich mich damit in immer intimere Bereiche. Im Bildraum bin ich mit mir selbst allein und kann mich in dieser puren, höchst intimen Situation auf die Wechselwirkung mit Licht, auf eine Art Energieaustausch einlassen.

BT: 2006 erscheint dein erstes Kunstbuch in limitierter Auflage – ein umfassender Einblick in dein Schaffen.

VC: In diesem Buch möchte ich das System meiner Lichtbausteine zusammenfassen, Querverbindungen erschließen. Ich arbeite ja aus einer Gesamtsituation heraus, für mich ist alles eine Einheit, aus der ich immer wieder Segmente näher an mich heranhole und genauer bearbeite, sei es eine spezielle Farbigkeit in den Chromogrammen oder das Erarbeiten einer neuen Dimension des Lichtraums beim Einpassen in den Realraum. Jedes Chromotop und damit natürlich auch jedes Chromogramm kann immer als ein materialisiertes Teilstück des Ganzen, des Urchromotops, gedacht werden. Aus allen Möglichkeiten entscheide ich jeweils, welchen Abschnitt ich daraus sichtbar machen möchte. Letztendlich geht es mir darum, unsere Verbindung mit Licht definitiv sichtbarer, klarer und — auch für mich — wieder etwas verständlicher zu machen.

BT: Hast du nicht auch Mathematik studiert?

VC: Ja, Mathematik faszinierte mich schon sehr früh, lange bevor ich überhaupt mit Kunst in Berührung gekommen war. In dieser ersten Zeit der wirklich leidenschaftlichen Beschäftigung mit Mathematik eignete ich mir eine analytisch logische Denkweise an. (Vielleicht aber ist diese Art des Reflektierens angeboren und braucht nur einen kleinen Anreiz durch die Umwelt, der die Begeisterung für die Naturwissenschaft zum Ausbruch bringt?) Jedenfalls wende ich bis heute dieses Denken auf meine künstlerische Arbeit an. Inhaltlich interessiert mich das utopische Ziel, zeitgeistunabhängige Werke zu entwickeln. Mich fasziniert die Idee, eine Ausdrucksform zu finden, die ähnlich einer mathematischen Formel zu lesen ist, dem linearen und auch zirkularen Zeitschema übergeordnet. Ohne Naheverhältnis zu Naturwissenschaft und Technik hätte ich wahrscheinlich gar nicht zum Medium Licht gefunden. Allerdings, mit heutigem Wissen, führt die intensive Beschäftigung mit Farbe direkt zum Medium Licht. Licht ist immer Farbe – Farbe ist sichtbares Licht. Ganz besonders interessiert mich der allererste Moment der Wahrnehmung purer Farbe. In diesem Augenblick ist Farbe noch nicht mit persönlicher Empfindung belegt. Ein Teilaspekt meiner Arbeit ist es, Farbe zu finden, die nicht klar zu benennen ist, um selbst Assoziationen zu vermeiden, die von „vertrauten“ Farben ausgelöst werden. Sobald Farbe das erste Mal so absolut pur und dicht, als „Licht” erlebt wird, verdichtet und verfeinert sich die Wahrnehmung, ein schöner Vergleich aus der Musik findet sich in Giacinto Scelsis „Una Nota Sola“. Farbe nehmen wir ausschließlich über Lichtwellen auf. Damit arbeiten die neuen Medien, alle Bildschirme sind auf diesem System aufgebaut. Farbmischungen, die Lichtmischungen sind, beschäftigen uns mittlerweile weit mehr als Pigmentmischungen.

BT: Du mischst doch auf beide Arten, mit Pigment und mit Licht?

VC: Ja, das ist das Wunderbare an meiner Arbeit, das haptische Erlebnis der klassischen Malerei und dann die Umsetzung ins Immaterielle. Zuerst mische ich Pigmente für die Produktion der gemalten Lichtfilter und dann mische ich das durch diese Malerei gefilterte Farblicht: Die eigentlich klassische Methode der Malerei auf den Glasfiltern in Verbindung mit technisch präzisen optischen Systemen und Lichtquellen erzeugt für mich eine neue, lebendige Qualität, unendliche Möglichkeiten an feinsten Lichtlasuren und Farbräumen. Aufgabe der Technik ist es, die Grenzen zwischen Licht- und Realraum festzulegen und zu schärfen. Dazu kommen die gemalten Lichtfilter in die Projektoren, die das „schöne“ Licht aufbrechen, es „verschmutzen“. Ich glaube, wir brauchen solche Unterbrechungen, so wie wir Schmutz brauchen, um Feinheiten und Vielschichtigkeiten überhaupt wahrnehmen zu können. Das gehört unmittelbar zu unserem menschlichen Sein. Schon eine Lichtquelle allein, gefiltert durch Malerei, kann eine Vielfalt an Streuungen und Farbigkeit erreichen. Und unser Auge wächst dabei mit. Reizen wir unsere visuelle Wahrnehmung regelmäßig mit immer schwierigeren Aufgaben, zB. mit immer feineren Lichtnuancen, so trainieren wir sie damit regelrecht, wie Muskeln beim Sport oder wie unseren Geschmacks- oder Gehörsinn. Das Gehirn verstärkt seine Aufmerksamkeit für die Differenzierung von Farbe und merkt sich immer mehr Nuancen. In der neu entdeckten Reichhaltigkeit und Fülle an Farben, wird uns der „alte Blick“ fast naiv erscheinen.

BT: Bei der Arbeit an meiner Diplomarbeit bin ich auf einen Artikel gestoßen, von 2004, aus den USA, in dem es um die physiologische und emotionale Wirkung und Wahrnehmung von Farbe und Licht geht.

VC: Was mich hier besonders interessiert, ist Polychromie. Die Wirkung von vielfarbigem Licht ist natürlich viel schwieriger zu untersuchen, zu verifizieren als der Einfluss von monochromen Lichtwellen. Erst einzelne wissenschaftliche Forschungsprojekte setzen sich mit diesem Spezialthema auseinander: Beim internationalen Symposium „Licht und Gesundheit”, veranstaltet vom CIE in Wien 2004, gab’s nur einen einzigen Vortrag zu polychromen Lichtsituationen. Ich glaube, dass wir „schlampig“ gefiltertes Licht viel besser vertragen; es kann mehr in uns auslösen, entspricht uns mehr als technisch vollkommen perfektes und damit zwar funktionelles, aber dafür „unsinnliches“ Licht.

BT: Da ist auch die Entsprechung zur Malerei: reines Pigment versus Mischungen.

VC: Ja, und es gibt noch ein bemerkenswertes Phänomen in diesem Zusammenhang: Sobald ich mehrere Lichtlasuren übereinandersetze, wie zB. in den Chromogrammen, entstehen Raumtiefen, die sonst nur bei sehr feinen Öllasuren zu beobachten sind. Das erstaunt mich jedesmal aufs Neue.

BT: Zum Abschluss noch eine Frage an dich als technisch versierte Künstlerin: Wie siehst du die Zukunft der Lichttechnik?

VC: Die technisch innovativste Entwicklung wird in der nächsten Zukunft die Anwendung von LED-Technik in der Architekturbeleuchtung sein. Zurzeit sind Installationen mit diesen Produkten noch ziemlich kostenintensiv, doch der niedrige Energieverbrauch und die geringen Erhaltungskosten sprechen eindeutig für die Verbreitung dieser Technik. Diese Entwicklung dürfte auch mit ein Grund dafür sein, warum die Dimensionierung einzelner Leuchtmittel in gewisser Weise stagniert, z.B. stehen uns 12.000 W für Bildprojektoren zur Verfügung, und diese Grenze wird auch nicht in absehbarer Zeit überschritten werden. Wir haben heute ein reichhaltiges Angebot unterschiedlichster Lichtquellen, sozusagen Grobwerkzeug, jetzt geht es an die Verfeinerung: eine kleine Veränderung am Reflektor, ein anderer Strahlungswinkel, neues Filtermaterial, das Einbauen intelligenter Steuerungssysteme usw. Parallel dazu zeigt sich diese Entwicklung vom Groben in die Verfeinerung auch in der Lichtplanung: Inzwischen sind die Städte grundbeleuchtet, sozusagen „grob hell“, aktuelle Fragen sind: Wo ist es schon zu hell, wo ist zu wenig Licht, wo sind die Zentren der Lightpollution …? Dort, wo die Helligkeit passt: Welche Farbe hat das Licht, in welcher Art wollen wir aktiv das Empfinden im urbanen Raum beeinflussen? Es ist schon längst nicht mehr allein ausschlaggebend, ob und mit wievielen Lichtpunkten beleuchtet wird, für unser Wohlbefinden ist besonders entscheidend, ob blaustichige, gelbliche oder grünstichige Lichtquellen eingesetzt werden. Die Industrie forscht an der Farbigkeit von Leuchtmitteln, Reflektoren und Filtern. Heute wird eine breite Farbskala von Leuchtstoffröhren angeboten, die vor allem nach persönlichen Bedürfnissen ausgewählt werden. Auch gibt es bei der Erstellung von Lichtkonzepten für den öffentlichen Raum immer mehr Verständnis für Planungsvorbereitung, Masterpläne. Auch finden Projekte, die von bzw. mit KünstlerInnen entworfen und entwickelt werden, immer größere Beachtung. Und wir Künstlerinnen und Künstler finden in diesen Bereichen interessierte Partner. Das Verbindende zwischen Kunst, Wissenschaft und Industrie ist das Interesse an der Evolution, an der Entwicklung menschlicher Kulturen. Lediglich die Perspektiven, aus denen wir die Welt betrachten und die Schwerpunkte, die wir dadurch setzen, unterscheiden sich. Ich möchte mit meinen Arbeiten eine unmittelbare Nähe zu Licht aufbauen, eine Nähe, die in privaten wie auch öffentlichen Situationen verfügbar wird, im besten Sinne von H. C. Artmanns „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes”. In meiner Vorstellung bildet jeder Lichtraum, jedes Chromotop und damit auch jedes Chromogramm, einen aktiven Baustein, der unsere mentale und physische Verbindung mit Licht bewusst macht, eine direkte Interaktion mit Licht ermöglicht und uns im Alltag stärkt.

 

1 Zusammenfassung des Gesprächs vom 29.6.2005 im Licht-Atelier der Künstlerin in Wien, geführt von Brigitte Trenks anlässlich ihrer Diplomarbeit „INSZENIERTES LICHT im Bühnenraum”, eingereicht bei Prof. Herwig Zens, Akademie der Bildenden Künste Wien, August 2005.